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Kolumne
   
"So lebt es sich mit Hartz IV -
Statements zur Regelsatzdebatte"

(März 2010)


 
   Antje Sanogo,
 Dipl.-päd., Beratungsstelle
   
Vor gut einem Jahr wurden die Verwaltungsrichtlinien für die Vergabe des Mehrbedarfs für kostenaufwendige Ernährung u.a. für HIV-positive ALG II-Empfänger geändert. Seitdem erhält einen Mehrbedarfs-Zuschlag nur noch derjenige, der einen Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 oder weniger hat. Ein BMI von 18,5 oder weniger gilt laut Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) als Untergewicht! In einem reichen Land wie der BRD müssen Menschen erst untergewichtig werden, bevor man ihnen einen Zuschlag für Ernährung zahlt. Darüber hat sich vor einem Jahr niemand aufgeregt. Selbst die Betroffenen hatten nur noch ein mutloses Schulterzucken übrig.

Antje Sanogo (Dipl.-päd., Beratungsstelle)
[ antje.sanogo@muenchner-aidshilfe.de]



 
   Diana Zambelli,
 Dipl.-Soz.päd. (FH),
 Leiterin Betreutes Wohnen
Die Neuberechnungen der Regelsätze bringen große Ängste für unsere Betreuten. Die Frage mit noch weniger Geld monatlich auskommen zu müssen, können wir in erschrockenen Gesichtern ablesen. Ohne Zuwendungen und Spenden, wie den uns zur Verfügung stehenden Penny-Gutscheinen von der SZ-Stiftung oder den über Spendengeldern finanzierten Essensgutscheinen für das Cafe Regenbogen, kommen die Meisten kaum über die Runden.

Diana Zambelli (Dipl. Sozialpädagogin (FH); Leiterin Betreutes Wohnen)
[ diana.zambelli@muenchner-aidshilfe.de]




 
   Chr. Seidenspinner-Freund,
 Dipl.-Soz.päd. (FH),
 Betreutes Einzelwohnen
   
In einer Zeit, in der die Preise des täglichen Lebens ständig steigen, die Wirtschaft kriselt und im Gesundheitswesen immer mehr Leistungen nur noch im ehemaligen Leistungskatalog zu finden sind und trotzdem die Kosten parallel anwachsen, wenn Du also beim täglichen Einkauf ständig überlegen musst, was Du Dir nicht leisten kannst und bemüht sein solltest, der psychologisch beworbenen Versuchung von kaufbarer Schönheit, Fitness und Lebensqualität mit Strenge zu widerstehen, wenn Du nicht sicher sein kannst, ob Du Dir die Versorgung im Krankheitsfall, das Altern und geschweige denn die Gesundheit als oberstes Gut annähernd leisten kannst, wenn Du also die täglichen Hürden des Lebens als Herausforderung empfindest, dann stell Dir vor, Du hast dazu nur das Nötigste an finanziellen Mitteln und bekommst gesagt, das ist zu viel auf dem Du Dich ausruhst ...

Christian Seidenspinner-Freund (Dipl. Soz.päd. (FH); Betr. Einzelwohnen)
[ christian.seidenspinner@muenchner-aidshilfe.de]



 
   Heike Stadler,
 Dipl.-Soz.päd. (FH),
 Betreutes Einzelwohnen
Menschen, die behaupten Hartz IV Empfänger wären alle arbeitsunwillig und würden zuviel Geld bekommen, haben wohl keine Ahnung wie es ist, mit so geringen Mitteln über die Runden zu kommen, geschweige denn am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Heike Stadler (Dipl. Sozialpädagogin (FH), Betreutes Einzelwohnen)
[ heike.stadler@muenchner-aidshilfe.de]








 
   Sandra Ebermann,
 Dipl.-päd., Betreutes
 Einzelwohnen
Was ist gerecht?

ALG II 844,54 €uro
Ausgaben:  
Unterkunft/Heizung 485,54 €uro
Strom 35,00 €uro
Monatskarte 23,90 €uro
Ratenzahlung 10,00 €uro
Beitrag zu Erreichung der
Belastungsgrenze bei
chronisch Kranken (Zuzah-
lungsbefreiung)
43,08 €uro
Umgerechnet pro Monat 3,59 €uro
Zum Lebensunterhalt
bleiben:
285,51 €uro
Pro Tag (30 Tage) 9,52 €uro

Das muss für alle Mahlzeiten am Tag reichen, davon müssen Haushaltsmittel, Winter- und Sommerkleidung, Elektrogeräte wie Waschmaschine oder Fernseher, die irgendwann mal kaputt gehen können, u.a. angespart werden. Das muss zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sprich: Kino, Theater oder Konzert – oder für Kopfschmerztabletten, Augentropfen, die notwendig sind, aber mitunter von der Krankenkasse nicht übernommen werden.
Stiftungen, naturale und finanzielle Spenden, vergünstigte Eintrittskarten ermöglichen ein bisschen mehr Lebensqualität und Wohlbefinden.
Der eine kommt groß, der andere klein zur Welt, der eine in einem bildungsfreundlichen, der andere in einem bildungsfeindlichen Umfeld. Der eine wächst wohlbehütet auf, der andere muss als Kind schon Gewalt- und Missbrauchserfahrungen erleben.
Chance auf 1-Euro-Job ohne Zeugnisse und abgeschlossene Ausbildung, mit Konzentrationsschwäche, HIV, Depression, Alkoholabhängigkeit? Gleich beinahe Null.
Unser Sozialstaat versucht bestehende Ungerechtigkeiten zu vermindern und an der Regelsatzdebatte wird dies nun evident – wie viel Lebensqualität ist Menschenrecht?
Ist das gerecht?

Sandra Ebermann (Dipl. Pädagogin, Betreutes Einzelwohnen)
[ sandra.ebermann@muenchner-aidshilfe.de]

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