Unsere
Mitglieder-
versammlung
  Unser
Vorstand
  Unsere
Struktur
  Unsere
Leitung
  Unser Team
  Regenbogen-
stiftung
  Kooperation/
Vernetzung
  Kolumne
  Aids-
Memorial
  HIV-Info-
Radio
  QUILT - Das Magazin
  SWITCH -
die andere
Seite
  Mitglied
werden!
  Satzung
  Leitbild
  Führungs-
grundsätze
  Zusammen-
arbeit mit
Pharma-
unternehmen
  Rahmenkon-
zept für die
Drogenarbeit
  Newsletter
VEREIN 
Forum | Feedback | Impressum 
Kolumne
   
"Für das Recht auf Leben"

(Juni 2010)

 
   Sandra Ebermann,
 Diplom-Pädagogin /
 Case Managerin (DGCC)
   
„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände“ – so steht es im Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Das Konzept der Menschenrechte beruht auf der von mittlerweile fast allen Nationen anerkannten Idee, dass allen Menschen allein aufgrund ihres Menschseins gleiche Rechte zustehen, die universell, unteilbar und unveräußerlich sind. Motiviert wurde es auch durch die Menschenrechtsverletzungen des Zweiten Weltkriegs.

HIV in Deutschland
Werde ich in Deutschland krank, gehe ich zum nächstgelegenen Arzt, der mir Medikamente verschreibt. Diese erhalte ich in der Apotheke um die Ecke. Dies gilt auch für einkommensschwache Menschen und jene, die am Existenzminimum leben. Ein HIV-Test wird auf Wunsch durchgeführt und bei einem positiven Testergebnis kann man sich beim Arzt, in Beratungsstellen und durch Informationsmaterial all jene Unterstützung suchen, die gebraucht wird, um trotz HIV mit einer im Vergleich zu den 1980er Jahren deutlich gestiegenen Lebenserwartung selbstbestimmt zu leben . Das Recht auf ein Mindestmaß an ärztlicher Versorgung zum Erhalt der eigenen Gesundheit ist dank Präventionsarbeit, medikamentösen Behandlungsfortschritten und Zugang zu unserem Gesundheitssystem für alle in Deutschland gewährleistet.

HIV in wirtschaftlich ärmeren Ländern
Aber wenden wir unseren Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, so sieht die Situation nicht mal acht Flugstunden gen Süden schon ganz anders aus. In den wirtschaftlich ärmsten Ländern der Welt wie in Afrika oder Lateinamerika muss ich bei Krankheit mitunter einen halben Tagesmarsch zu der nächsten Stadt auf mich nehmen, um einen schulmedizinisch ausgebildeten Arzt zu finden. Werde ich dort auf HIV getestet, so erhalte ich meine Wochenration an generisch hergestellten HIV-Medikamenten mitunter in einem Krankenhaus. Zu den neusten Präparaten habe ich keinen Zugang, denn sog. Entwicklungsländer haben meist kein Geld, um sich die Lizenzen zur Medikamentenherstellung zu kaufen – dank dem weltweiten Patentrecht. Dies möchte ich an dieser Stelle nicht grundsätzlich in Frage stellen. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich denken und handeln, um überlebensfähig zu sein. Nur so können Arbeitsplätze erhalten und mit Steuerabgaben auch unser Gesundheitssystem gesichert werden. Das Recht auf den Schutz der eigenen Erfindung sollte aber doch dort eingeschränkt werden, wo Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Medikamentöse Behandlung und Präventionsarbeit
Zurück zu unserem positiven Testergebnis in einem wirtschaftlich armen Land. Je nachdem wie weit die Präventionsarbeit fortgeschritten ist, werde ich über die Nutzung und Handhabung von Kondomen zum Schutz vor Ansteckung aufgeklärt – mitunter wird mir aber auch Abstinenz und Treue ans Herz gelegt. Mit meiner Wochenration in der Hand gehe ich einen halben Tagesmarsch zurück in mein Dorf, denke mir „nur wer ohne Sünde ist, werfe mit Steinen“, zeige mich solidarisch mit jenen Nachbarn, die ebenfalls HIV-positiv sind und teile meine Wochenration an HIV-Medikamenten mit jenen, die in diesen Tagen zu schwach waren, um selbst den Tagesmarsch ins Krankenhaus auf sich zu nehmen. Schließlich ist man auf den Nachbarn angewiesen und teilt in der Not auch Kartoffeln und Brot. Im alltäglichen Kampf ums Überleben in teilweise von Bürgerkriegen und ausbeutenden Regierungen betroffenen Ländern vergisst der Einzelne verständlicherweise nur allzu leicht, dass sich mit der unregelmäßigen Einnahme der HIV-Therapie sehr schnell Resistenzen gegenüber diesem Medikament entwickeln. Eine andere HIV-Therapie muss her – somit landen wir also wieder beim Patentrecht, das die Erfindung neuer Medikamente bis zu 20 Jahre vor Nachahmung schützt.
Auf HIV bezogen kann dieses Recht also tödlich enden - neben schlechten Infrastrukturen und kaum vorhandenen Gesundheitssystemen in den wirtschaftlich ärmsten, sicherheitslabilen Regionen, die sich regierungspolitisch gesehen mit dem Erbe des Kolonialismus auf verschiedenen Ebenen auseinander setzen müssen.
Das Patentrecht ist natürlich nur ein Problem. Ein weiteres ist die fehlende internationale finanzielle Unterstützung für diese Länder. Obwohl reiche Industriestaaten wie Deutschland viel versprochen haben, wird wenig eingehalten.

Aktionsbündnis gegen Aids
Entscheide ich mich also, über den eigenen Tellerrand zu sehen, erkenne ich, dass sich politische Entscheidungen immer auf das Leben eines jeden Einzelnen auswirken. Angesichts der Komplexität der Zusammenhänge könnte sich da auch Resignation bzgl. der scheinbar mangelnden Einflussmöglichkeiten breit machen.
Das Aktionsbündnis gegen Aids resigniert nicht, sondern nimmt als ein Zusammenschluss von über 100 Nichtregierungsorganisationen aus dem kirchlichen und nicht-kirchlichen Bereich, die sich mit dem Thema HIV und Aids auseinandersetzen, mit fachlich gebündeltem Wissen Einfluss auf die Bundesregierung, Parlamentarier und die Öffentlichkeit, um ein Bewusstsein für die Medikamentenversorgung und patentrechtlichen Fragen zu schaffen. Es erinnert immer wieder an finanzielle Zusagen und Versprechen, die zur Stärkung der Gesundheitssysteme in Afrika, gerade auch im Bereich von Behandlung und Prävention von HIV und Aids gemacht worden sind und drängt auf deren Einhaltung. Denn steter Tropfen höhlt den Stein!
Seit der Kampagne 2008 „Leben vor Pharmaprofit! Patente können tödlich sein“ wurden 28.000 Unterschriften gesammelt, die der Pharmaindustrie übergeben worden sind. Einige Pharmakonzerne verzichteten auch aufgrund dieser Öffentlichkeitsarbeit freiwillig in einigen Ländern auf die Einforderung ihres Patentrechts und senkten die Preise für ihre Medikamente dort.

Die „Nacht der Solidarität“ am 12.06.2010
Nicht zu resignieren, sondern zu erkennen und umzusetzen, was in der eigenen Macht steht, erscheint mir als der gesündere Weg und so freue ich mich am 12.06.2010 auf die „Nacht der Solidarität“. Zusammen mit anderen Einrichtungen in München, die sich mit dem Thema HIV und Aids befassen, versuchen wir als „Aktionsbündnis gegen Aids München“ mit dieser alljährlichen Aktion die Problematik in der Öffentlichkeit zu halten.

Kampagne „In 9 Monaten“
An den Infoständen kann man sich über die aktuelle Kampagne „In 9 Monaten“ informieren: durch eine weiter laufende Finanzierung der Mutter-Kind-Prävention inkl. einer weltweiten flächendeckenden Versorgung mit HIV-Medikamenten müsste kein neugeborenes Kind mit HIV infiziert werden – derzeit sind es aber noch ca. 400.000 Babys jährlich.

Eine Unterschrift kann helfen!
Jede Unterschrift erinnert die Bundesregierung an ihr Versprechen, die notwendigen finanziellen Mittel bereit zu stellen, und die Pharmaindustrie daran, dass Medikamente zwar Leben retten können, neben wirtschaftlichen Interessen aber grundlegende Menschenrechte durch die unbedingte Einhaltung des Patentrechts nicht verletzt werden sollten.
Online kann man sich unter [ www.aids-kampagne.de] ebenfalls informieren und unterschreiben.
Ich freue mich über alle, die nicht resignieren und gemeinsam mit uns versuchen, ein immer größerer Tropfen zu werden, der den Stein langsam aber sicher aushöhlt – für das Recht auf Leben!

Sandra Ebermann
Diplom-Pädagogin/ Case-Managerin (DGCC)
[ sandra.ebermann@muenchner-aidshilfe.de]



top