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Rahmenkonzept für die Drogenarbeit
(beschlossen vom Vorstand im September 2008)
   
Drogenkonsument/innen und HIV

Drogenkonsument/innen stehen mit einem Anteil von 6 % an den Neuinfektionen mit HIV in Deutschland an vierter Stelle nach Homosexuellen, Heterosexuellen und Migrant/innen, die sich in ihren Herkunftsländern (sog. Hochprävalenzländer) infiziert haben. HIV und Hepatitis C werden durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen beim intravenösen Drogenkonsum und durch den gemeinsamen Gebrauch von Röhrchen beim Konsumieren durch die Nase übertragen. Drogenkonsument/innen sind zudem zusätzlich von sehr stark von Hepatitis C betroffen. Doppelinfektionen von HIV und Hepatitis C sind häufig. In der zahlenmäßig relativ kleinen Gruppe der Drogenkonsument/innen in Deutschland ist HIV prozentual sehr verbreitet. Damit sind Drogenkonsument/innen in Deutschland eine Hauptbetroffenengruppe, für die sich die Aids-Hilfe ihrem Leitbild entsprechend zuständig fühlt.


News (1.10.08)
Die Münchner Aids-Hilfe hat ein neues Rahmenkonzept zur Drogenarbeit beschlossen.
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Ähnlich wie die anderen Hauptbetroffenengruppen werden auch Drogenkonsument/innen diskriminiert und darüber hinaus wegen ihrer Sucht strafrechtlich verfolgt. Diese Situation steht einer Hepatitis- und HIV-Prävention im Wege. HIV-Prävention im Drogenbereich ist für die Münchner Aids-Hilfe e.V. deshalb untrennbar mit der Forderung nach Verbesserung der Lebenssituation von Drogenkonsument/innen und Entkriminalisierung verbunden.



Unsere Ziele

Im Sinne der strukturellen Prävention verfolgt die Münchner Aids-Hilfe auch im Drogenbereich zwei Ziele gleichzeitig: Die Förderung von präventivem Verhalten auf der individuellen Verhaltensebene (safer use, safer sex) und die Veränderungen gesellschaftlicher und juristischer Rahmenbedingungen, um Prävention auf der individuellen Ebene zu erleichtern bzw. zu ermöglichen (z.B. Spritzentausch und Kondomvergabe auch in Haft, Heroinvergabe, Entkriminalisierung, Schadensminimierung).


Unsere Arbeitsgrundsätze

Die Münchner Aids-Hilfe arbeitet ihrem Leitbild entsprechend grundsätzlich lebensstilakzeptierend, in diesem Zusammenhang suchtakzeptierend. Das bedeutet, dass Drogenkonsument/innen prinzipiell nicht das Ziel eines drogenfreien Lebens verfolgen müssen, um bei der Münchner Aids-Hilfe beraten zu werden oder andere Angebote in Anspruch zu nehmen. Trotzdem entscheiden sich manche Drogenkonsument/innen, von ihrer Sucht loszukommen und streben eine Reintegration ins „normale Leben“. Sie suchen nach entsprechenden Hilfsangeboten auch bei der Münchner Aids-Hilfe, etwa im Betreuten Wohnen oder im Bereich Arbeit&Beschäftigung. Für sie hat die Münchner Aids-Hilfe passende Angebote entwickelt, die zwangsläufig nicht suchtakzeptierend sein können. Je nach Angebot setzen sie stabile Substitution ohne Beigebrauch bis hin zu Abstinenz voraus und sehen mitunter auch Kontrolle und negative Konsequenzen bei Nichteinhaltung dieser Vereinbarungen vor.

Dies mag widersprüchlich erscheinen und bei einzelnen Drogenkonsument/innen zu Verwirrung führen. Wir sehen zwischen einem grundsätzlich suchtakzeptierenden Ansatz und punktuell ausstiegsorientierten Angeboten keinen Widerspruch, solange der Wille und die Entscheidung des Einzelnen im Vordergrund steht. Auch wenn die Münchner Aids-Hilfe im Grundsatz suchtakzeptierend arbeitet, kann und will sie jedoch in keinem Fall Drogenkonsum in ihren Räumlichkeiten tolerieren. Drogenkonsum in den Räumlichkeiten der Münchner Aids-Hilfe führt deshalb zu Hausverbot.

Die Münchner Aids-Hilfe arbeitet grundsätzlich partizipativ. Das bedeutet, dass Drogenkonsument/innen soweit möglich in die Arbeit einbezogen werden, z.B. von der Planung bis zur Durchführung und Evaluation von primärpräventiven Interventionen. Wir unterstützen aktiv Selbsthilfeaktivitäten, beispielsweise durch Anleitung von Gruppentreffen oder Nutzungsmöglichkeiten unserer Gruppenräume.

Die Münchner Aids-Hilfe arbeitet grundsätzlich emanzipatorisch. Das bedeutet, wir verfolgen immer auch das Ziel, das Selbstbewusstsein und die Handlungskompetenz von Drogenkonsumenten zu fördern.

Die Münchner Aids-Hilfe arbeitet grundsätzlich qualitätsorientiert. Das bedeutet, dass für die wesentlichen Angebote und Arbeitsabläufe verbindliche Qualitätsstandards existieren, die regelmäßig evaluiert und weiter entwickelt werden.


Unsere Angebote

Entsprechend dieser Ziele und Grundsätze entwickelt die Münchner Aids-Hilfe bedarfsgerechte Angebote für Drogenkonsumenten in allen Abteilungen (Prävention&Beratung, Arbeit&Beschäftigung und Betreuung&Wohnen) bzw. berücksichtigt in ihren Angeboten die Zielgruppe der Drogenkonsument/innen. Sie sind in allen Abteilungen der MüAH willkommen, entsprechend der in den einzelnen Projekten geltenden Rahmenbedingungen bzgl. Drogenkonsum.


HIV-Primärprävention im Drogenbereich

Die Entwicklung primärpräventiver Interventionen für Drogenkonsument/innen sowohl in Bezug auf HIV als auch auf Hepatitis C ist Aufgabe der Beratungsstelle. HIV-Prävention für Drogenkonsument/innen hat nicht nur die Übertragung durch gemeinsamen Konsum im Blick, sondern selbstverständlich auch die sexuelle Übertragung. Primärpräventive Interventionen verbinden wir wo sinnvoll mit geselligen und schadensminimierenden Angeboten, um möglichst viele Adressaten zu erreichen. Derzeit gibt es folgende Angebote/Interventionen:

  • Spritzentausch im „Bistro“ der Beratungsstelle
  • Anonyme Abgabe von „safer-use-packs“ über den Spritzenautomaten
  • Individuelle Beratung und Information zu safer use/safer sex
  • Verteilung von Info-Flyern zu safer Use/ safer Sex in der Drogenszene
  • Präventionsveranstaltungen speziell für Drogenkonsument/innen, z.B. in Haftanstalten
  • Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit z.B. zu politischen Rahmenbedingungen der HIV-Prävention
  • schadensminimierende Angebote zur Verbesserung der Lebenssituation von Drogenkonsument/innen wie z.B. Kleiderkammer, Kontaktmöglichkeiten im „Bistro“ der Beratungsstelle, Lebensmittelverteilung (Münchner Tafel),
  • Unterstützung von Selbsthilfe (siehe Abschnitt Unterstützung Selbsthilfe )
  • Multiplikatorenschulungen


Sekundärpräventive Angebote für HIV-infizierte Drogenkonsument/innen


Grundsätzlich stehen alle psychosozialen Angebote der Abteilungen Prävention & Beratung, Arbeit & Beschäftigung, Betreuung &Wohnen auch HIV-infizierten Drogenkonsument/innen offen. Bei Bedarf gibt es für sie, wie für andere Zielgruppen auch, zusätzlich spezifische Angebote (z.B. Metha-Job in der Abteilung Arbeit&Beschäftigung). Bei diesen Angeboten steht die Bewältigung der HIV-Infektion und ihrer psychischen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Folgen im Vordergrund. Selbstverständlich werden im Rahmen einer ganzheitlichen Sichtweise andere Aspekte (in diesem Zusammenhang Drogenkonsum) in der psychosozialen Arbeit einbezogen. Suchtberatung oder gar -therapie gehören nicht zu unseren Aufgaben. Derzeit gibt es folgende psychosoziale Angebote:

  • Einzel-, Paar- und Familienberatung
  • Gruppenangebote für Menschen mit HIV (Freizeit, Sport, Erfahrungsaustausch, Selbsterfahrung)
  • Betreutes Einzelwohnen im eigenen Wohnraum
  • Ambulant betreute Wohngemeinschaft
  • Stationäre Betreuungseinrichtung
  • Beschäftigungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose
  • Niedrigschwellige, zielgruppenspezifische Beschäftigungsmaßnahme (Metha-Job)


Unterstützung der Selbsthilfe von Drogenkonsument/innen


Seit der Gründung des Selbsthilfenetzwerkes JES (Junkies, Exuser, Substituierte) und der lokalen Gruppe in München hat die Selbsthilfe von Drogenkonsument/innen in der Münchner Aids-Hilfe e.V. einen festen Platz. Die psychosoziale Beratungsstelle fördert die JES-Gruppe bei Bedarf bei

  • ihren Gruppentreffen
  • bei der Organisation von Selbsthilfeaktivitäten wie Workshops oder Aktionen, Sommerfesten, Brunch u.ä.
  • Öffentlichkeitsarbeit durch fachliche und finanzielle Unterstützung oder durch die Nutzung der Räumlichkeiten und Ressourcen der Münchner Aids-Hilfe e.V.
Derzeit ist die Selbsthilfegruppe JES in München nicht aktiv. Die letzten Mitglieder stellten ihre Aktivitäten im Frühjahr 2008 ein. Die Beratungsstelle der Münchner Aids-Hilfe e.V. ist bestrebt, neue Selbsthilfeaktivitäten zu initiieren.



Rahmenkonzept für die Drogenarbeit (Sept. 2008)
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