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   Peter Wießner,
 Mitarbeiter der
 Beratungsstelle
   
Sex, Politik und Haft

(April 2006)
„`Los, los, ausziehen!` sagte er ungeduldig. Flink schlüpfte ich aus meiner Hose, denn mehr hatte ich in der Eile sowieso nicht angezogen. Mit eiskalten, berechnenden Blicken wurde ich von den beiden gemustert, als ob ich ein Stück Vieh oder Ware wäre. Dann bekam ich meine lang ersehnte Einführung.“ (Tasler 1999, S. 75)

Wenn ich von unserer Haftarbeit und den Präventionsveranstaltungen, die wir in Haft anbieten berichte, nehme ich manchmal ein Leuchten in den Augen meiner Gesprächspartner/innen wahr. Ich habe mich daran gewöhnt, dass dieser Arbeitsbereich in eigenartiger Art und Weise die Phantasie meiner Mitmenschen anregt. Sicherlich ist dies auch dadurch zu erklären, dass nur wenig über die Lebensverhältnisse von Menschen in Haft nach draußen dringt. Wer wenig mit der Lebenswelt Gefangener zu tun hat, kann sich kaum vorstellen, wie es ist, auf lange Zeit eingesperrt zu sein: Wie arrangieren sich Gefangene mit ihrem Schicksal? Wie geht man, eingesperrt und fernab vertrauter Menschen, mit seinen Sehnsüchten um?

All dies fördert die Phantasie. Haftmauern mit ihrer Undurchlässigkeit sind, so scheint es, die letzten Refugien einer Welt in der noch Verborgenes geschehen kann.

In diesen Vorstellungs- und Phantasiewelten nimmt das Thema „Sex hinter Gittern“ eine ganz besondere Stellung ein: Schenkt man der Pornoliteratur Glauben, dann sind es vor allem schwule Männer, die dieses Thema besetzt halten. In den entsprechenden Publikationen und Filmen geht es in sich variierendem Rollenspiel um Abhängigkeit, Unterdrückung, Leid und um Lust. Die Unterwerfung und Vergewaltigung der Protagonisten wird dabei beidseitig ausgekostet und genossen. Die Darstellung von (politisch völlig unkorrekten) Demütigungen wird für alle Beteiligten zum süßen Zwang.

Schwule Männer sind mit der sexuellen Besetzung von Erfahrungen des Ausgeliefertseins übrigens nicht alleine: Für Heterosexuelle findet dieses Klischee seine Entsprechung im Setting des Krankenschwester-Pornos: Die Abhängigkeit von der Schwester wird dabei mit Lust assoziiert: Wenn die Nachtschwester kommt, so verspricht es die Phantasie, haben Leid und Lust ihr Stelldichein.

Ich will mit diesem Beitrag nicht zur weiteren „Vernebelung“ des Themas Sex und Haft beitragen. Mit dem Alltag als Mitarbeiter im Haftbereich hat das wenig zu tun. Deshalb „Klarblick“ durch ein paar Fakten:

Zu sexuellen Handlungen kommt es in jeder Haftanstalt. Allerdings wird darüber wenig geredet. Sexualität in Haft findet statt zwischen Gefangenen, mit sich alleine, manchmal auch zwischen Gefangenen und Bediensteten. Wird Letzteres publik, ist die gesellschaftliche Aufregung groß, meist wegen dadurch erkaufter Annehmlichkeiten. Erstaunlich ist die Aufgeregtheit trotzdem: ist doch die Ausübung sexueller Handlungen auch in Haft die natürlichste, eigentlich gesündeste und auch kostengünstigsten Sache der Welt. (Letzteres benenne ich an dieser Stelle ausdrücklich, schließlich wird im Kontext der Haftarbeit von staatlichen Stellen in regelmäßiger Litanei nach Möglichkeiten der Kostenersparnis gesucht).

Bedauerlicherweise gibt es für Gefangen kaum Möglichkeiten, sich in der Ausübung ihrer sexuellen Handlungen zu schützen. Obwohl die Gefahr, sich in Haft durch HIV und Hepatitiden zu infizieren, ungleich höher ist als außerhalb, bekommen sie keine Impfung gegen Hepatitis A und B: circa 20 % aller Gefangenen in bayerischen Haftanstalten haben/hatten übertragbare Infektionen wie Hepatitis A, B, C oder HIV (die Prävalenz von HIV liegt bei weniger als 1 %).

Gefangene haben keinen freien und anonymen Zugang zu Kondomen. Möchte ein Gefangener sich durch den Gebrauch von Kondomen schützen, muss er erst zum Anstaltsarzt, um eines „verschrieben“ zu bekommen. Es gibt kaum Gefangene, die dazu genug Selbstbewusstsein haben. In fünf Jahren praktischer Betreuungsarbeit in der JVA Bernau habe ich dies nur ein einziges Mal erlebt.

Wenn wir in Präventionsveranstaltungen mit Gefangenen über diese Möglichkeit sprechen, sagen sie frank und frei, dass dies für sie unter gar keinen Umständen in Frage kommt:

„Dann denkt ja jeder, ich bin schwul“.

Es ist uns nicht erlaubt, an Gefangene Kondome zu verteilen. Wir können ihnen deshalb nur theoretisch nahe bringen, wie sie sich vor HIV schützen könn(t)en. Und wenn sich ein Haftarzt dazu überreden lässt, von uns Kondome entgegenzunehmen, dann kann es vorkommen, dass diese den Gefangenen selbst auf Nachfrage nicht ausgehändigt werden:

„Die Kondome von der Aids-Hilfe sind nur für HIV-Positive bestimmt“, erfahren wir dann.

Wenn das alles nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen. Als Aidshilfe-Mitarbeiter/innen fordern wir, dass die Lebensverhältnisse für Gefangenen sich den Lebensverhältnissen der Menschen in Freiheit anpassen müssen: Nur so kann ihre Reintegration in die Gesellschaft gelingen.

Die für die Zustände in Bayerns Haftanstalten verantwortlichen Politiker/innen scheinen anderes im Sinn zu haben. Wahrscheinlich müssen noch viele Pornos im Haft-Setting gedreht werden, bis es sich herumspricht, dass die Abhängigkeit der Gefangenen durch die durch politische Entscheidungsträger geschaffene Situation manchmal pervers ist.

Das Ausgeliefertsein der Gefangenen ist existentiell, demütigend, ungerecht und ihre Würde verletzend. Die verwehrte Möglichkeit, sich zu schützen, bezahlen manche von ihnen mit ihrem Leben.

Kein schlechtes Setting für politische Entscheidungsträger, um die Machtfülle auszukosten und dabei eventuell auch noch Lust zu empfinden.

Interessant ist, dass die meisten der für Gefangene wirklich schlimmen Gesetzesinitiativen von Politikern aus Bayern eingebracht werden.

Peter Wießner
[ peter.wiessner@muenchner-aidshilfe.de]



Wer mehr zu den Gesetzesinitiativen Bayerns wissen möchte und warum wir uns gegen diese Bestrebungen verwehren, den verweisen wir auf unsere Homepage. Dort findet sich der von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Aids & Haft in Bayern verfasste Appell zur Bewahrung der Gesetzgebungskompetenz des Bundes im Strafvollzug und zur Vermeidung der Bayerischen Gesetzesänderung zur Änderung des Strafvollzugs [ mehr...] und eine Presserklärung. [ mehr...]

Literatur:
Tasler, Wolf: Im Knastbordell von Istanbul.
Die wahre Geschichte eines deutschen Teenagers.
Aufgezeichnet von Wolf Tasler. Edition Tasler, Berlin, 1999

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