Unsere
Mitglieder-
versammlung
  Unser
Vorstand
  Unsere
Struktur
  Unsere
Leitung
  Unser Team
  Regenbogen-
stiftung
  Kooperation/
Vernetzung
  Kolumne
  Aids-
Memorial
  HIV-Info-
Radio
  QUILT - Das Magazin
  SWITCH -
die andere
Seite
  Mitglied
werden!
  Satzung
  Leitbild
  Führungs-
grundsätze
  Zusammen-
arbeit mit
Pharma-
unternehmen
  Rahmenkon-
zept für die
Drogenarbeit
  Newsletter
VEREIN 
Forum | Feedback | Impressum 
Kolumne
   
 
   Michael Tappe,
 Leiter der Beratungsstelle
   
Gemeinsam gegen AIDS: "Darf’s ein bisschen mehr sein?"

(November 2006)

„Wir übernehmen Verantwortung. Für uns selbst. Und für andere“.
So lautet in diesem Jahr das Motto des Welt-AIDS-Tages. Das klingt einfacher als es genau genommen ist.

Es geht darum, die Verantwortung für den Schutz vor einer HIV-Infektion zu übernehmen. Es geht darum, Risiken einzugehen oder zu vermeiden. Es geht darum, sich und den Partner zu schützen.

In Deutschland hat es in den letzten 20 Jahren einen allgemein gültigen Konsens gegeben: „HIV geht alle an, jeder soll sich schützen“. Die Präventionskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen AIDS-Hilfe propagierten diese Linie: „Schütze Dich, nimm ein Kondom“, und es gelang mit dieser Strategie, die Infektionszahlen in Deutschland auf niedrigem Niveau stabil zu halten. Seit einigen Jahren nun steigen die Infektionszahlen wieder an, vor allem bei den schwulen Männern, also bei den Menschen, die als am Besten informiert gelten und bei denen die Prävention als besonders erfolgreich galt. Ausgerechnet diese Menschen scheinen jetzt vermehrt auf Schutz zu verzichten und infizieren sich. Verhalten sie sich verantwortungslos?


Vielfach wird denjenigen, die sich neu infizieren unterstellt, sie täten dies absichtlich oder es wäre ihnen egal, ob sie sich infizieren oder nicht. Das glaube ich nicht. Aus mehreren aktuellen Befragungen schwuler Männer wissen wir, dass die allermeisten sich nicht infizieren wollen und dass sie überzeugt sind, sich immer oder fast immer beim Sex vor einer Infektion zu schützen.

Der Wunsch, das Kondom weg zu lassen, wird bei vielen immer größer. Die Angst vor einer HIV-Infektion ist dank der besseren Behandelbarkeit deutlich gesunken. Dies trägt natürlich dazu bei, in manchen Situationen mehr Risiko in Kauf zu nehmen.

Entscheidend für den Kondom-Verzicht vieler schwuler Männer ist sicherlich die Tatsache, dass es neuerdings Alternativen zum Kondom zu geben scheint. Niemand bestreitet zwar, dass das Kondom nach wie vor die sicherste Methode ist. Aber die Alternative wie Serosorting (damit ist gemeint, mit einem Partner mit gleichem Serostatus, also dem gleichen Testergebnis, auf ein Kondom zu verzichten), oder auf das Kondom zu verzichten, wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, werden von immer mehr schwulen Männern praktiziert. Auch darüber, ob es möglich ist, durch eine prophylaktische HIV-Therapie eine Infektion zu vermeiden, wird diskutiert, und über einiges mehr. Spätestens seit der Welt-AIDS-Konferenz im August in Toronto sind diese alternativen Strategien in der allgemeinen Diskussion und werden sicher noch mehr Männer bewegen, auf ein Kondom zu verzichten.

Ich will mich hier nicht an der Debatte beteiligen, wie sicher oder unsicher diese Alternativen sind, da gibt es noch viel Klärungsbedarf. Klar ist auf jeden Fall, dass sie nicht so sicher sind, wie ein Kondom. Mit diesen Alternativen geht man also auf jeden Fall ein höheres Infektionsrisiko ein. Dies kann ja mitunter trotzdem sinnvoll sein, bevor man ganz auf Schutz verzichtet. Deshalb finde ich es auch sehr vernünftig, sich mit diesen Alternativen zu beschäftigen, mehr darüber zu erfahren, wie sicher sie sind, und zu überlegen, in welchen Situationen sie vielleicht wirklich eine gute Alternative sein könnten. Im Moment habe ich allerdings die Befürchtung, dass viele Menschen diese Alternativen in der fälschlichen Hoffnung nutzen, sie seien genauso sicher, wie dass Kondom.
Mir geht es darum, dass sich viele Menschen anscheinend nicht klar machen, dass „etwas weniger Sicherheit“ tatsächlich etwas mehr Risiko“ bedeutet, also eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass eine HIV-Infektion übertragen wird. Viele fühlen sich anscheinend bei einem kleinen Risiko so, als wäre kein Risiko vorhanden. Und nachher gibt es dann womöglich ein böses Erwachen.

Vor allem, die Strategie des Serosorting macht mir da große Sorgen. Diese Strategie ist für Negative besonders riskant. Ich bin davon überzeugt, dass ein negativer schwuler Mann, der mit anderen negativen Männern ungeschützten Sex hat, wahrscheinlich nicht sehr lange negativ bleibt. Dieser Mann infiziert sich früher oder später und hält sich weiterhin für negativ, obwohl er bereits positiv ist. In den ersten Monaten ist er aufgrund seiner hohen Viruslast sicher besonders infektiös und infiziert schnell andere negative Männer, die dann wiederum andere negative Männer anstecken.

Ein HIV-negativer Mann ist tatsächlich nur bis zu seinem nächsten ungeschützten Sexualkontakt sicher negativ. Danach ist er entweder ungetestet oder bereits positiv. Dies wird gerne ausgeblendet.

Verantwortung übernehmen heißt für mich auch, sich über die möglichen Konsequenzen seines Handelns klar zu sein. „Das Risiko gehe ich ein“ sagt sich leicht, wenn man insgeheim denkt, „da ist ja gar kein Risiko“. Machen wir uns also nichts vor: ein Risiko eingehen heißt, etwas riskieren. Das kann auch schief gehen. Auch ein bisschen mehr Risiko kann zu einer Infektion führen. Und ein „bisschen Infektion“ gibt es nicht, die gibt es nur komplett und auf Dauer. Darüber sollte man sich klar sein.



Michael Tappe
Leiter der Beratungsstelle
[ michael.tappe@muenchner-aidshilfe.de]
top